Zuerst die Geraden, dann die Kreisschläge
Es ist einer der wenigen Punkte, an denen Verbände, die sich sonst kaum auf etwas einigen, übereinstimmen — und sie sagen es ausdrücklich: Man lehrt zuerst die geraden Schläge — vor allem die Führungsgerade (Jab), dann die Rückhandgerade — und erst danach die Kreisschläge, Haken, dann Aufwärtshaken. Drei unabhängige Quellen halten es fest.
- Die FFBoxe hat es in den Aufbau ihrer Grade eingebaut: Der Weisse Handschuh (Gant Blanc) ist der Grad der Geraden, der Gelbe Handschuh (Gant Jaune) der Grad der Kreisschläge. Die Reihenfolge der Grade ist die Lehrreihenfolge.
- Boxing Canada (NCCP-Trainerausbildung) schreibt, die Führungsgerade und die dazugehörigen Verteidigungen «sollten zuerst gelehrt und während der gesamten Einführungsphase betont werden» («should be taught first, and emphasized throughout the initiation stage») — und warnt: «Die verfrühte Entdeckung der Schlagkraft der hinteren Hand ist eines der grössten Handicaps für den lernenden Boxer.» Die Rückhand zu früh herauszuholen, schadet dem Lernen.
- Die AIBA (heute IBA, ihrer olympischen Anerkennung entzogen — eine Altreferenz, nie eine geltende Autorität) lehrt «zuerst im Stand, dann in Bewegung, ohne Partner».
Nichts davon ist Geschmackssache: Es ist eine Lehrsequenz, die die Verbände ihrer eigenen Progression auferlegen. Ein Trainingsplan, der den Aufwärtshaken vor die Führungsgerade setzt, dreht die Reihenfolge derer um, die sie aufgeschrieben haben.
Die Farbhandschuh-Grade der FFBoxe
Die FFBoxe ordnet ihre Schläge nicht in ein Lexikon: Sie verteilt sie auf Grade, die «Gants de couleur» (G2C, Farbhandschuhe), und jeder Grad trägt einen ganzen Schlagblock. Es ist die klarste Schlag-Taxonomie im Korpus.
| Grad | Der Schlagblock, den der Grad trägt |
|---|---|
| Gant Blanc Weisser Handschuh — der Eingangsgrad | Die geraden Schläge. Der ganze Grad dreht sich um Führungs- und Rückhandgerade — Kräftigungsübungen, Rhythmusleiter, Boxquadrat, Schattenboxen und Gerätearbeit, alle auf den geraden Linien aufgebaut. |
| Gant Jaune Gelber Handschuh | Die Kreisschläge: Haken und Aufwärtshaken. Der nächste Grad öffnet die gekrümmten Bahnen erst, wenn die Geraden sitzen. |
| Gant Orange Oranger Handschuh | Die Verteidigungsmittel — Meiden, Zurückweichen, Parieren — plus Konterangriff und Verbindungen. Das ist der Grad, in dem der Boxer lernt zu verteidigen und dann zu antworten, nicht nur zu schlagen. |
Die Mechanik, Schlag für Schlag
England Boxing denkt zuerst in der Kraftlinie («powerline»). Bei den Geraden «treibt man vom Boden her, dreht um die Mittelachse und feuert einen lockeren Arm ab», und die Kraftlinie ist «eine gerade Linie durch das Ziel». Beim Haken ist es «eine schnelle Rotation der Hüften», und die Kraftlinie ist «ein Bogen». Beim Aufwärtshaken ist es «ein Aufwärtsschub von Hüfte und Rumpf». Jeder Mechanikpunkt folgt daraus.
| Schlag | Der tragende Lehrpunkt, wie England Boxing ihn druckt |
|---|---|
| Jab an den Kopf Führungsgerade | «Der wichtigste Schlag … der primäre Distanzmesser»: eine schnelle Vierteldrehung der Hüfte, ein lockerer Arm streckt sich beschleunigend durch die Bewegung. Das Handgelenk erst im letzten Moment vor dem Kontakt um 90° drehen, Handfläche zum Boden. Kinn tief, Blick über die Augenbrauen. |
| Jab an den Körper | Die Knie beugen, nicht die Taille; leichte Hüftdrehung; das Kinn in die Schulter ziehen; die hintere Hand am Kinn. |
| Rückhandgerade die « Cross » | Vom hinteren Fuss abstossen; explosive Hüft- und Schulterrotation, die vordere Seite als Scharnier; das Gewicht verlagert sich auf den vorderen Fuss; der Unterarm dreht Knöchel nach oben; die Führungshand bleibt hoch. Boxing Canadas «gerader Kraftschlag» stimmt überein — und warnt davor, ihn zu früh zu entdecken. |
| Führungs- & Rückhaken kurz / mittel / lang | Die vordere Fussspitze drehen und die Ferse heben; der Arm kommt auf 90°, auf Schulterhöhe; schnelle Hüftrotation. «Der Schlag muss von dort geworfen werden, wo die Hand ist, und nicht zurückgezogen werden» — Zurückziehen telegrafiert und ist der Hauptfehler. Langer Haken: mehr als 90° im Ellbogen; kurzer: weniger als 90°. |
| Führungs- & Rück-Aufwärtshaken | Handgelenk gedreht, Handfläche nach innen; eine leichte Kniebeugung, dann das Bein strecken und die Ferse heben, um nach oben zu treiben; Unterarm senkrecht. «Quer statt nach oben zu treiben» ist der zu korrigierende Fehler. |
SwissBoxing ordnet dieselben Schläge in seine eigene Techniktaxonomie: Geraden (linear) · Haken (kreisförmig, Arm bei ≈ 90°, Faust, Ellbogen und Schulter auf einer Linie) · Aufwärtshaken (schraubenförmig). Zum letzten ist das Schweizer Lehrmittel unumwunden: «der schwierigste Schlag». Ein Grund mehr, ihn für zuletzt aufzubewahren.
Die Fünf-Schritt-Progression von Boxing Canada
Für die Gerade druckt Boxing Canada (NCCP) eine Lehrprogression in fünf Schritten, deren Bogen das Dossier so zusammenfasst: solo → Sack → Partner-Auffangen → Pratzen. Es ist die Art des Verbands, den Kontakt Stufe um Stufe zu erhöhen, ohne je mit einem Anfänger auf einen Körper oder einen Kopf zu zielen.
- Solo, ohne Ziel. Die Gerade wird in Teile zerlegt — die «Kolben»-Teilprogression: Der Schlag wird in der Luft aufgebaut, bevor er auf etwas trifft.
- Am Sack. Der Schlag trifft auf eine Masse, nie auf einen Partner.
- Partner-Auffangen. Der Partner nimmt den Jab «auf der offenen Handfläche seiner hinteren Hand» auf — «den Unterarm steif halten … nicht nach dem Jab greifen». Der Schlag landet auf einer behandschuhten Handfläche, nicht auf einem Gesicht oder einem Rumpf.
- An den Pratzen. Der Trainer präsentiert Ziel und Bewegung.
Zwei Leitplanken hält die Quelle durchgehend ein: Die Jugendhandschuhe wiegen 8 oder 10 oz, und — das ist das Prinzip ihrer Sieben-Schritt-Verteidigungsprogression — «der Kopf muss vollständig aus dem Zielbereich ausgeschlossen bleiben», bis die Verteidigung stabil ist; der Kopf wird erst später wieder einbezogen, mit kontrollierter Geschwindigkeit. Beim Kind wird die Gerade also am Sack, im Schatten und auf der behandschuhten Handfläche trainiert — nicht am Partner.
Sack und Pratzen: welches Gerät für welchen Schlag
Schläge werden nicht an irgendetwas trainiert. England Boxing publiziert eine Gerätekarte mit eigenen Vorbehalten — und zwei Geräte werden ausdrücklich für die Kreisschläge benannt.
| Gerät (Begriff von England Boxing) | Verwendung und Vorbehalt, wie gedruckt |
|---|---|
| « angle bag » Winkelsack | «Die richtige Form für Aufwärtshaken und gewinkelte Haken.» |
| « maize ball » Maisbirne | «Ausgezeichnet, um Haken und Aufwärtshaken zu entwickeln … ein gewisser Nutzen für Timing und Distanzeinschätzung.» |
| « 3-in-1 bag » / « straight bag » | Allgemein. |
| « floor-to-ceiling ball » Boden-Decke-Ball | Reflex und Timing — aber «erstickt die Beinarbeit» («stifles footwork»). |
| « wall pads » Wandpratzen | Vor-zurück-Beinarbeit und Winkelwechsel. |
| « speed ball » Punchingball | «Fragwürdiger Wert in der Amateurhalle» («questionable value in the amateur gym»). |
An den Pratzen druckt England Boxing die Grundpositionen: Geraden werden auf der rechten Pratze auf Nasenhöhe genommen, Handfläche zum Boxer; Haken und Aufwärtshaken bei 45°. Die Pratzenarbeit gliedert sich in fünf Typen — Set Technique, General, Tactical, Sharpening, Conditioning — in Runden von einer Minute, 30 Sekunden Pause. Und die Quelle listet ihre «Pratzen-Verbrechen»: ein unrealistisches Ziel, statische Füsse, den Schlag mit der Pratze abholen, keinen Konter anbieten.
Zur Dauer nennt England Boxing Zahlen für seine Sackrunden: 3 × 3 min für die Senioren-Offenklasse, 3 × 1½ min auf «Schoolboy»-Stufe, mit einer Minute Pause; als Intervallvariante 1 min Arbeit / 30 s Pause oder 30 s / 15 s. Die Runden bleiben immer drei — nur die Länge verschiebt sich mit dem Alter.
Was das Alter treffen lässt
Am Sack und im Schatten hat eine Gerade oder ein Haken kein Alter: Sie treffen auf Leder. Erst in dem Moment, in dem ein Schlag einen Partner trifft, setzen die Verbände eine Tür — und sie setzen sie nicht beim selben Alter. Ein Verein, der sich auf eine Grenze festlegt, muss den Verband nennen, dessen Grenze er anwendet.
| Verband | Was ein Schlag treffen darf, und ab wann |
|---|---|
| FFBoxe | Boxe Éducative Assaut = nur die Berührung, ab 6 Jahren (pädagogisches Assaut): «ausschliesslich die Berührung bevorzugen, ohne feste Schläge setzen zu wollen». Stirn und Kopfseite sind ein legales Berührungsziel — aber ohne Wucht, ohne K.o. Der Vollkontaktkampf mit K.o. (BA) öffnet erst beim Minime (~12-13 Jahre). |
| SwissBoxing / J+S | Merkblatt Prävention: «bis mindestens 8 Jahre ein absolutes Verbot von Kopftreffern», und Treffer an Rumpf und Schulter müssen sanft bleiben; «bis mindestens 15 Jahre ein Kopfschutz mit Jochbeinschutz». Die Leiter: Fitness- und Light-Contact-Boxen ab 8; olympisches / Amateurboxen, harte Schläge erlaubt, ab 13. |
| England Boxing | Gedruckte Alterstabelle: kontaktfrei mit 10/11, dann «skill bouts» (Könnenskämpfe) mit 11/15; Wettkampfkämpfe öffnen erst ab 15. |
| Boxing Canada | Jugendhandschuhe 8-10 oz; «der Kopf muss vollständig aus dem Zielbereich ausgeschlossen bleiben», bis die Verteidigung stabil ist. Beim jungen Boxer trifft die Gerade die behandschuhte Handfläche des Partners, nie sein Gesicht oder seinen Rumpf. |
Die Alter lassen sich nicht mitteln: Die FFBoxe öffnet die Berührung mit 6, die Schweiz erlaubt harte Kopftreffer erst mit 13, England behält den Kampf 15+ vor. Das sind eigenständige Verbandspositionen, so zu zitieren, wie sie dastehen — die Glaubwürdigkeit liegt gerade darin, sie nicht einzuebnen.
Quellen
FFBoxe — Ateliers und Livrets explicatifs für Gant Blanc, Gant Jaune, Gant Orange (die G2C «Farbhandschuhe»); Reglemente BEA / BA · England Boxing — Level 2 Coaching Handbook (2019), §9 Schlagtechnik und Kraftlinien, §11 Schlaggeräte, §19 Pratzenarbeit, §18 Sparring-Leiter · Boxing Canada (NCCP) — Instruction-Beginners Reference Manual (2024) und Workbook, §5 gerade Schläge und Progression, §6.3 die «Kopf-ausgeschlossen»-Verteidigungsprogression · SwissBoxing — Box-Technik (die Taxonomie Geraden / Haken / Aufwärtshaken) und das Lehrmittel «Light-Contact Boxing» (BASPO / mobilesport.ch) · J+S — Merkblatt Prävention (Verbot von Kopftreffern vor 8, Jochbein-Kopfschutz vor 15) · AIBA — Coaches Manual (2019), der internationale Verband, seither seiner olympischen Anerkennung entzogen, zitiert als Altreferenz und nie als geltende Autorität. Das Boxen hat keine einzige Autorität: Wo die Verbände divergieren, stehen die Positionen nebeneinander, jede benannt. Inhalt geprüft im August 2026.
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